Auf Du und Du

In meiner Arbeitswelt unter Autorinnen, Verlagsmenschen und Bücherliebhabern gehen Gespräche schnell in die Tiefe, weil die Themen und Texte es erfordern.
Ich werde häufig über Trauer befragt oder mir erzählen Menschen ihre Trauererfahrung. Sofort sprechen wir über Leben und Tod, Sinn und Sein, Hoffnung und Zweifel. Mütter nennen mir den Namen ihres Sternenkindes, ein junger Witwer wiegt sein Baby im Arm oder eine ältere Dame ergreift meine Hand und sagt, dass sie bald sterben wird. Diese Momente verbinden so stark, dass ich häufig sage: „Ich heiße Susanne.“ Eigentlich ist das unnötig, denn sie wissen, wer ich bin. Dann warte ich ab, ob die Antwort lautet: „Angenehm, ich bin Frau Schulz“ oder „Ich heiße Maria.“

Der Irrtum
Für ein Interview hatte ich schon mehrere Telefonate mit meinem Protagonisten geführt. Wir haben Gemeinsamkeiten entdeckt und unser Miteinander fühlte sich so vertraut an. Als ich dann vor seiner Tür stand, um das Gespräch aufzuzeichnen, begrüßte ich ihn mit: „Hallo. Sie können mich gern Susanne nennen.“
Ich spürte sein Unbehagen. Er antwortete: „Ich duze nur Menschen, die ich mag.“ Zack! Hat er das wirklich gesagt? Habe ich unsere Vertrautheit fehlinterpretiert? Fühlte er sich vom Du nicht mehr wertgeschätzt? Ich räusperte mich und schlüpfte in meine Rolle als Reporterin. „Danke, Herr Müller, dass Sie sich Zeit für ein Gespräch nehmen.“

Wie auf dem Golfplatz
Bei einer Auftragsarbeit meinte mein Gegenüber: „Wir können es mit der Anrede wie auf dem Golfplatz handhaben.“ Allgemeine Zustimmung der Projektpartner. Ich wusste nicht, welche Höflichkeitsformen auf einem Golfplatz gelten. Einmal spazierte ich mit meinem Mann um einen Golfplatz und fand alles irgendwie lächerlich: Buggies und Caddies, Tees und Putter. Mein sportbegeisterter Mann verteidigte den Sport als anspruchsvoll und gesundheitsfördernd, aber wie man sich unter Golfern anredet, wusste auch er nicht.
Mein Gegenüber erklärte: „Wir duzen uns während dieses Projektes und danach sind wir wieder per Sie.“ Erst wird eine Distanz durch ein Pronomenwechsel abgebaut, um sie dann später wieder aufzubauen. Braucht ein wertschätzender Umgang überhaupt das Sie? In Schweden wird nur noch die Königfamilie gesiezt, ansonsten genügt das Du. Mimik und Gestik werden immer offenbaren, ob die Anrede wertschätzend ist oder nicht.

Das große Nuscheln
Vor über zwanzig Jahren bin ich nach Bayern gezogen und anfangs irritierte es mich, dass die Ureinwohner mit so wenig Mimik sprachen. Die Worte quetschten sie immer durch einen halb offenen Mund. Das Bairisch lebt von Weglassungen. Wer braucht schon Personalpronomen? Man kann sie einfach wegnuscheln. „Schee, dassd do san.“ Höfliches Du nennen sie es, wenn man Ihr statt Sie sagt. „Habt Ihr alles?“, fragt der Kellner und meint mich und zugleich die gesamte Tischgesellschaft. „Kommt´s hinein!“ Alle sind angesprochen – du und wir, Ihr und Sie! Ich mag das. Nun kann der Hörende sich aussuchen, ob es formell oder persönlich gemeint ist – Hauptsache Wertschätzung schwingen in Klang und Mimik.

Werte Frau Mutter
Ich war schon mit meinem Mann verlobt, als ich meine Schwiegermutter noch immer siezte. Sie hatte mir das Du nicht angeboten oder einfach vergessen. Ich entwickelte eine große Fähigkeit, die Anrede zu vermeiden. Die Mutter meines Verlobten mit Frau Ospelkaus anzureden, versetzte mich in das vorletzte Jahrhundert, wo Kinder ihre Eltern mit Herrn Vater und mit Sie angesprochen haben. Distanz statt Nähe. Letztendlich beendete mein Vater das Rumgeeiere mit dem Ausspruch: „Bald sind wir eine Familie. Da duzen wir uns.“ Wir sind eine Familie. Kirchenfamilie. Glaubensfamilie. Familie Mensch. Selbst, wenn wir uns siezen, in der Wertschätzung für einander wird deutlich, dass wir auf Augenhöhe sind.

zuerst erschienen in der Kolumne Menschenskinder/ FamilyNext

Susanne Ospelkaus